Nachgedacht

Lasst uns nun gehen

Die Geburt von Jesus setzt Wege voraus und löst Wege aus. Als die junge Mutter mit ihm schwanger wird, beeilt sie sich, ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen, deren Kind im Bauch schon ein halbes Jahr gewachsen ist. Es ist ein weiter Weg von Nazareth in die Berge von Juda. Nachdem Elisabeths Kind geboren worden ist und am achten Tag nach seiner Geburt den Namen Johannes bekommen hat, geht die junge Mutter, deren Kind in nun weniger als sechs Monaten geboren werden wird, wieder nach Hause zurück. Aber sie kann bis zu ihrer Niederkunft nicht dort bleiben.

Bevor Jesus geboren wird, muss sich seine Mutter wieder aufmachen, jetzt mit ihrem Verlobten, wieder führt der beschwerliche Weg nach Juda, diesmal nach Bethlehem. Aber nicht nur die beiden, die ganze Bevölkerung ist unterwegs. „Jedermann ging“ – weil der Kaiser es befohlen hat.

In Bethlehem wird Jesus geboren. In jener Nacht machen sich die Engel auf. Sie kommen vom Himmel her zum Hirtenfeld, sie durchschreiten die Grenze zwischen himmlischen und irdischen Bereich, zwischen Unsichtbarem und Sichtbarem. Die Hirten sehen und hören Unglaubliches, das sie gerne glauben wollen.

Zuerst haben sie Angst, dann sprechen sie untereinander – als die Engel wieder in ihren Bereich zurückgekehrt sind – : „Lasst uns nun gehen“ – Ihr Weg ist nicht so weit nach Bethlehem und sie eilen, sie sind bald da, noch in derselben Nacht.

40 Tage später tragen die Eltern das kleine Kind in den Tempel von Jerusalem, um es seinem wahren Vater zu zeigen, aber das wissen sie noch nicht.

All das erfahren wir aus dem Evangelium des Lukas. Auch das Evangelium von Matthäus hat einiges zu berichten:

Da gibt es einige, die haben einen viel weiteren Weg als die Hirten. Die Sternforscher kommen aus einem anderen Land, aus einem anderen Kulturkreis, und nicht die Engel, ein Stern hat sie auf den Weg gebracht. Sie kommen wohl erst zwei Jahre nach der Geburt nach Bethlehem. Jesus ist immer noch in diesem Ort zu finden, aber nicht mehr im Stall, sondern in einem Haus. Ohne dass sie es wollen, führt ihr Besuch dazu, dass Jesus in Lebensgefahr gerät. Seine Eltern müssen mit ihm fliehen in der Nacht, sie ziehen weit weg nach Ägypten, wo sie Zuflucht finden.

Das Asyl dort hat das Leben von Jesus bewahrt. Als die Gefahr vorbei ist – vielleicht ein Jahr später – kehren seine Eltern in ihr Land zurück, aber nicht mehr nach Bethlehem, sondern dorthin, wo alles seinen Ausgang nahm: nach Nazareth.

Die Geburt von Jesus lässt auch uns sagen: „Lasst uns nun gehen…“ Lasst uns gehen durch unser Leben, durch die Zeit, durch das Jahr. Das Ziel ist, Jesus zu finden. Das evangelisch-lutherische Kirchenjahr nennt den 25. März als den Tag, an dem Jesus im Bauch der Maria entstand. Neun Monate braucht das Kind, bis es zur Welt kommt. Der Geburtstag von Jesus wird am 25. Dezember gefeiert. (Weil wir so ungeduldig sind, feiern wir schon am 24. Dezember – es ist eigentlich nur eine Vorfeier).

Diese neun Monate werden auch durch einen sehr bekannten Pilgerweg abgebildet. Nach alter Auffassung gehen die Pilger vier Monate lang nach Santiago de Compostela, bleiben dort einen Monat, und kehren dann nach Hause zurück, das sie nach insgesamt neun Monaten wieder erreichen. Vom 25. März angefangen, erreichen wir nach vier Monaten, am 25. Juli, den Tag des Apostels Jakobus – der eben in Santiago begraben sein soll. Nach neun Monaten kommen wir im Jahresverlauf „nach Hause zurück“, zu unserem eigentlichen Zuhause: nämlich zu Jesus. Das ist die tiefere Bedeutung von Weihnachten.

Auf diesem Zeit-Weg bildet die Adventszeit den Weg von Nazareth nach Bethlehem ab, einen beschwerlichen Weg mit Sorgen und Mühen – so wie unser Leben oft ist. Aber der Sinn dieses Lebensweges ist, zu Jesus zu kommen.

Damit wir dieses Ziel erreichen, kann eine Umkehr nötig sein. Wir wollen oft andere, bequemere Wege gehen, die nicht zu Jesus führen. Der Monatsspruch für Dezember sagt uns: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe!“ Matth. 3, 2

Jesus bringt uns das Himmelreich nahe. Das, was noch nicht zu sehen ist, ist doch schon für uns bereit. Die Umkehr hin zu Jesus, hin zu Gott führt uns zu einem guten Ziel. Die Zeit vor Weihnachten ist darum Umkehr-Zeit und ihre Farbe ist violett.

Diese Zeit ist ursprünglich länger gewesen. Die Passionszeit besteht – zum Vergleich – aus 40 Werktagen. Wenn wir 40 Werktage vor Weihnachten (dem 25. Dezember) rechnen, kommen wir auf den 9. November als den ersten Tag, mitten in der Letzten Zeit des Kirchenjahres. Die Botschaft ist hier und in der Adventszeit im Grunde gleich: Die Ankunft von Jesus in unserer Welt und in unserem Leben. Wir können seine Ankunft verpassen. Dann wird Weihnachten eine leere Zeit, ein Fest ohne Sinn. Doch wenn wir zu ihm kommen, ihn finden, ist es wunderbar. „Lasst uns nun gehen …“!

Eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit wünscht Ihnen

Ihr Pastor Otfried Krüger

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