Andacht

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch in diesem Jahr werden sich wieder Gruppen zusammenfinden, die der Bedeutung der Fastenzeit in ihrem Leben nachgehen wollen:

Was hat das Leiden Jesu Christi mit meinem Leben zu tun?

Wie komme ich angesichts der Fülle der Angebote und Möglichkeiten des modernen Lebens dazu, mich auf das Wesentliche zu besinnen?

Manche greifen eine alte Regel der Fastenzeit wieder auf: „Übe Verzicht!“ Sie lassen bewusst eine Sache weg, die ihnen schon zu einer lieb gewordenen Gewohnheit, zu einer festen Einrichtung in ihrem Leben geworden ist. Gemeinsam mit anderen wollen sie herausfinden, wie ihr Glaube an Gott ihnen zum festen Anker in all den Ungewissheiten und Unübersichtlichkeiten werden kann. Und sie wollen auch nach Bereichen suchen, in denen sie sich als frei erfahren können, Bereiche, in denen sie ohne Druck oder unerfüllbare Erwartungen leben können.

Die Passionszeit muss keine Zwangszeit sein und erst recht nicht zur Selbstbeschneidung führen. Sie kann die Gelegenheit geben, über sich selbst nachzudenken: Was behindert mich, was fördert mein Leben, wer zeigt mir einen Weg, auf dem ich einigermaßen sicher gehen kann und mich gleichzeitig auch nach meinen Möglichkeiten frei entfalten kann?

In den sieben Wochen vor Karfreitag, die dieses Jahr im März beginnen, richten Menschen ihre Aufmerksamkeit auf den Leidensweg Jesu Christi. Auf diesem Weg nimmt er alles auf sich, was Menschen behindert, was sie gefangen hält, was sie innerlich zerreißt und was sie untereinander in heillosen Streit geraten lässt. Jesus leidet unser Leiden. Er leidet, wenn wir leiden, wenn wir – vielleicht sogar in der besten Absicht – uns wieder einmal so sehr in unsere Wünsche, Vorstellungen und Absichten, in unsere Notstände und Notwendigkeiten verwickelt haben, dass wir Gott, unseren Vater, vollkommen aus dem Blick verloren haben. Leiden – das ist eine Zeit des Innehaltens.

An einer Stelle, und sei sie noch so unbedeutend, wird der normale Fluss der alltäglichen Arbeiten und Abläufe unterbrochen. Wer leidet, ist auf einmal auf sich selbst zurück geworfen. Er oder sie spürt, dass er auf jemand Anderen angewiesen ist, dem er vertrauen kann. Er oder sie braucht jemanden, der sie oder ihn versteht. Mancher, der ein Leiden durchlebt hat, hat auf seinem Leidensweg sich selbst neu erfahren. Am Ende hält er möglicherweise ganz andere Dinge im Leben für wichtig als vorher. Leiden, dieses Wort bedeutete früher soviel wie „gehen, fahren, reisen“. In der Leidenszeit Jesu Christi erfahren manche, dass sein Weg zum Kreuz und schließlich zur Auferstehung ihr eigenes Leiden abschreitet.

Gott macht in seinem Sohn Station bei uns und nimmt uns Lasten ab. Und Jesus Christus gibt uns die Kraft, die wir brauchen, um ihn zu begleiten und seinen Weg bis zu Ende mitzugehen. Er gibt uns Mut, unser Vertrauen auf ihn zu setzen: Bei ihm finden wir eine Möglichkeit, wie wir mit dem Leiden umgehen, damit es uns nicht zugrunde richtet. Bei ihm finden wir die Gelegenheit, dem Leid auf den Grund zu gehen. Dort wartet Christus, und aus tiefster Zerrissenheit heraus bringt er uns auf den Weg, auf dem wir uns durch ihn mit Gott und tatsächlich auch mit uns selbst versöhnen lassen.

Ihr Pastor Jens Petersen

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