Nachgedacht

Biblisches Wort für den Monat November:

„Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes“ (2. Korinther 6, 16)

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Ich bin klein mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein“ – so die Worte eines der bekanntesten Kindergebete. Vielleicht sind sie auch manchem von Ihnen in Erinnerung; mir sind sie jedenfalls ins Gedächtnis eingeprägt. Wenn man den „Kinderglauben“ hinter sich lässt, im Glauben erwachsen wird, dann mag man die Naivität dieser Worte belächeln. Aber sie transportieren noch den beeindruckenden Gedanken, dass Gott, dass Jesus in uns Menschen „wohnt“; wir also seine „Wohnstätte“, sein Tempel sind.

Menschen gehen in den Tempel, in die Kirche, an heilige Orte, um zu beten. Sie wollen Gott begegnen, ihm nahe sein. Dazu sind diese Orte besonders hergerichtet und ausgeschmückt. In den Gotteshäusern finden wir Stille und Besinnung, dort feiern wir unsere Gottesdienste.

Für Paulus dreht sich diese Bewegung nun geradezu um. Nicht nur wir gehen in Gottes Wohnstätte, sondern er selbst „nimmt Wohnung“ im Menschen. Jeder Mensch, der Gott sucht, wird selbst von Gott gefunden.

Der lebendige Gott nimmt Wohnung in ihm. Für mich heißt das: jeder Mensch ist geheiligt. Als Geschöpf Gottes, zu dessen Ebenbild geschaffen und mit unveräußerbarer Würde ausgestattet. Als Kind Gottes, der wie Vater und Mutter alle Kinder ausnahmslos in gleicher Weise liebt. Und als Wohnstätte, als Tempel des lebendigen Gottes, der in uns Menschen für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden wirkt.

Was macht den Tempel Gottes in uns aus? Paulus gibt den Menschen in Korinth dafür Beispiele: ein weites Herz, das nicht Gleiches mit Gleichem beantwortet, Gerechtigkeit und das Vertrauen zu dem einen, lebendigen Gott. In dieser inneren Haltung ehren wir Gott und unsere Mitmenschen.

Uns dies immer wieder bewusst zu machen und einzuüben, dazu laden die Zeiten des Kirchenjahres und unseres Festkalenders ein. Vielleicht erinnern Sie sich? Im letzten Gemeindebrief stand auf dem Titelbild: „Herzlich willkommen – wer immer du bist“, das Motto der diesjährigen interkulturellen Woche: Für eine Willkommenskultur aller Menschen und ein friedliches gesellschaftliches Miteinander. Im November begehen wir, wie in jedem Jahr, in den 10 Tagen vor dem Buß- und Bettag die Ökumenische Friedensdekade. Sie steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Mutig für Menschenwürde“. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen als Geschöpf und Ebenbild Gottes ist Grundlage unseres Zusammenlebens und wird doch immer wieder infrage gestellt und verletzt: wenn Menschen nicht geachtet, gedemütigt, an den Rand gedrängt oder mit körperlicher Gewalt konfrontiert werden. „Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes“ – das ist Verheißung und Anspruch zugleich, die Paulus den Menschen in Korinth weitergibt.

In der Nachfolge Jesu Christi gelten sie heute für uns. Buchstabieren wir sie doch in unserem Alltag. Wenn wir mit weitem Herzen, mit offenen Augen und Ohren und dem Blick für Gerechtigkeit und mit Gottvertrauen durchs Leben gehen, werden wir viele Gelegenheiten dazu finden.

Viele gute Gedanken und Erfahrungen wünscht

Ihr Bodo Kahle

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