Veränderung im Tagesablauf…

…für Kindergarten- und Hort-Kinder

Liebe Eltern der drei-bis zehnjährigen Kinder in Kindergarten und Hort,

das Team hat sich entschlossen, etwas zu verändern. Am Montag, dem 21.01.2019 war es soweit – wir haben begonnen, das Mittagessen nicht mehr im Rahmen der Bezugsgruppen durchzuführen, sondern es den Kindern als sogenanntes „rollendes“ Mittagessen anzubieten.

Ablauf

Die Kinder haben –fast so wie beim Frühstück – die Wahl, wann sie zum Mittagessen gehen. Innerhalb eines Zeitraumes von 11:30 bis 13:30 Uhr (der durch eine laute Glocke deutlich hörbar eingeläutet wird) kann jedes Kind dann, wenn es Hunger hat und sein Tun gerade zu einem Ende gekommen ist, in die Cafeteria gehen und Mittag essen.

Die Anzahl der Plätze wird durch kleine Kärtchen symbolisiert, die vor der Tür in einer Schale bereit liegen. Wenn gerade kein Kärtchen da ist, sind alle Plätze besetzt (meist nur ganz am Anfang). Das Kind kann auf der Wartebank sitzen, bis ein anderes herauskommt und sein Kärtchen für den frei gewordenen Platz in die Schale legt. Oder es geht noch mal spielen und kommt später wieder.

In der Cafeteria sind drei Erwachsene, die den Ablauf regeln und den Kindern Gesellschaft leisten. Jedes Kind, das kommt, wird auf einer Liste abgehakt – und gegen Ende des Essen-Zeitraumes werden die Kinder, die noch nicht da waren, geholt, so dass jedes Kind zu seinem Mittagessen kommt. Auf den Tischen steht das Essen in Schalen, aus denen sich die Kinder – die kleinsten manchmal mit Unterstützung der älteren oder der Erwachsenen – selbst bedienen. Sind die Schalen leer, werden sie gegen volle ausgetauscht.
Die Vorweg-Rohkost und ggf. den Nachtisch holen sich die Kinder vom Buffet auf der Fensterbank.

Die Umstellung ist natürlich noch ein bisschen „holperig“ – Erwachsene und Kinder müssen sich daran gewöhnen und manche Abläufe lassen sich erst durch Erfahrung optimieren.

Grundsätzlich gefällt den Kindern die Veränderung, und sie genießen die Vorteile, die sich aus ihrer Sicht ergeben: freie Wahl des Zeitpunkts, Wahl der Freundinnen/Freunde mit denen ich hingehen und am Tisch sitzen will, Selbstregulierung, wie schnell oder langsam ich essen – wie lange ich am Tisch sitzen bleiben möchte.

Was hat uns bewogen, diese Veränderung einzuführen?

Jeden Tag gegen Mittag wurde es in der Einrichtung stressig.
Einige Kinder mussten aus dem Spiel gerissen werden, weil sie zum Essen mussten.
Andere hatten Hunger, durften aber noch nicht essen, strichen die ¾-Stunde, bis sie dran waren, mit knurrendem Magen durch die Flure und mochten nichts mehr anfangen.
In der Bücherei konnte nicht mehr gespielt oder gelesen werden, weil wir sie für das Essen nutzen mussten.
Die Hort-Kinder kamen oft erst gegen 13:30 Uhr zum Mittagessen.
Beim Wechsel zwischen den Essengruppen gab es Chaos auf den Fluren und in den Waschräumen – die einen raus, die anderen rein – Überfüllung und Zusammenstöße waren die Folge.

Erwachsene haben die Vorstellung, es müsse doch schön sein, mit der immer gleichen „Gruppe“ von 19 Kindern (die bei den Aufnahmen der jeweils neuen Kinder im Sommer zusammengestellt werden) zusammen zu essen.
Kinder haben ganz andere Wünsche an eine -für sie schöne – Mittagessen-Situation, siehe oben.
Deshalb war auch in den Essengruppen nicht immer die schöne Atmosphäre, die die Erwachsenen und die Kinder sich wünschen. Zügige Esser wurden am Tisch gehalten und sorgten dort für Unruhe, langsame wurden dadurch noch langsamer und mussten angetrieben werden (weil ja die nächste Gruppe auf den Raum wartete) …

Tieferer Hintergrund

“ Es ist nicht leicht, Kind zu sein. Es ist schwer, ungeheuer schwer. Was bedeutet es, Kind zu sein? Es bedeutet, dass man ins Bett gehen, aufstehen, sich anziehen, essen, Zähne und Nase putzen muss, wenn es den Großen passt, nicht wenn man es möchte. … Ich habe mich oft gefragt, was passieren würde, wenn man anfinge, die Großen in dieser Art zu behandeln“ – Astrid Lindgren

Natürlich kann die Konsequenz nicht sein, Kinder alles selbst entscheiden zu lassen. In der von Deutschland anerkannten UN-Kinderrechtskonvention heißt es:

„Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife.“

Eine der „pädagogischen Strategien“ in unserer Konzeption lautet: „Das Kind ermutigen, zu wählen und selbst zu entscheiden“.

Unser Auftrag als Kindertagesstätte besteht unter anderem darin, Kinder darin zu unterstützen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und äußern zu lernen. Dabei müssen sie erleben, dass ihre Meinung gehört und ernstgenommen wird (was nicht bedeutet, dass sie in jedem Fall umgesetzt wird s.o.).

Im Rahmen des Möglichen und Sinnvollen sollte ihren persönlichen Mitbestimmungsrechten aber Raum gegeben werden. Das „rollende“ Mittagessen ist ein kleiner, vielleicht nicht unwichtiger Baustein zur Erfüllung dieses Auftrags.

Gesine Grimm

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